Dankbarkeit in Havanna

Monument in Kuba

Nach meinem Studium reiste ich als Backpacker nach Mittelamerika und im Anschluss in die Karibik, wo ich insgesamt fast ein Jahr lebte. Das war eine unendlich wertvolle Zeit!
Im Zusammenleben mit einheimischen Familien erkannte ich schnell, dass Glück für die Menschen dort etwas ganz anderes bedeutet als vielen von uns hier in Deutschland. Sie besitzen wenig, lachen aber viel. Sie genießen jede Stunde ihres Tages, obwohl sie ernsthafte Sorgen haben. Besonders in Kuba fiel mir auf, dass ein Glücksgefühl ganz andere Ursachen hat als materieller Wohlstand oder beeindruckende Statussymbole.

Die Kubaner besitzen nämlich erschreckend wenig. Dennoch zeigen sie eine Menge Lebensfreude im Alltag. Sie singen, lachen, tanzen – genießen die Sonne, sitzen zusammen in der Straße und unterhalten sich fröhlich. Das fand ich wahnsinnig schön.

Ein Erlebnis werde ich in diesem Zusammenhang nie vergessen. An meinem zweiten Morgen in Havanna saß ich beim Frühstück in dem Haus einer jungen Familie, die ein kleines Baby hatte. Am Vorabend hatte ich zufällig eine Deutsche kennengelernt, die mir diese private Unterkunft empfohlen hatte. Airbnb, 9flats, oder Facebook gab es im Jahr 2000 nämlich noch nicht. Handys im Übrigen auch nicht und mobiles Internet war auch noch ein Fremdwort. Gelegentliche Internetcafés waren die einzige Kommunikationsmöglichkeit, wenigstens alle 2-3 Wochen mal Kontakt zu Freunden und der Familie aufzunehmen. Damals wählte man sich noch per laut klickendem Modem ein und reiste als echter Backpacker mit einem englischsprachigen Lonely Planet – denn: deutsche Ausgaben gab es nicht. Es ist schon irre, wie schnell sich die Welt verändert. Umso dankbarer bin ich, dass ich dieses echte Abenteuer, ganz auf mich alleine gestellt zu sein, damals erlebt habe!

Nun saß ich also beim Frühstück in Havanna. Vor mir stand ein handbemaltes Schüsselchen mit Cornflakes bzw. einer günstigen Alternative, ein kleiner Korb mit Brötchen, ein bisschen Butter und Marmelade und ein Glas Milch. Kein üppiges Frühstück, dachte ich – aber immerhin.

Gerade, als ich mir die Milch über die Cornflakes gießen wollte, kam die Mutter mit ihrem Baby auf dem Arm in das kleine Wohnzimmer, in dem ich saß, grüßte mich freundlich und wollte gleich weitergehen. Dabei sah mich das kleine Baby mit großen Augen an. Dachte ich. Schnell wurde mir klar, es guckte das Milchglas mit großen Augen an, nicht mich.
Spontan und völlig unbedarft fragte ich die Mutter, wann die Kleine denn das letzte Mal Milch getrunken habe. Sie antwortete nicht und wollte den Raum verlassen. Ich bat sie höflich zu bleiben und fragte sie noch einmal. Sie blieb stehen, drehte sich um, senkte den Kopf und sagte mit zaghafter Stimme, es sei wahrscheinlich so 2-3 Wochen her. Ich spürte deutlich, dass ihr dieses Gespräch sehr unangenehm war.

Mir klumpte sich alles im Hals zusammen, ich stellte das Glas auf den Tisch zurück und schob es in ihre Richtung. Ich bat sie, es zu nehmen und der Kleinen die Milch zu geben. Sie wehrte meine Geste schüchtern ab und antwortete: „Du hast dafür bezahlt, deshalb steht Dir die Milch zu.“ Mir wurde schlecht bei der Vorstellung, sie jetzt noch zu trinken bzw. mit den Cornflakes zu essen. Ich erwiderte herzlich, dass es mir eine Freude wäre, sie ihr zu schenken und betonte, dass ich sie ohnehin nicht mehr trinken würde. Eigentlich wollte ich damit zum Ausdruck bringen, wie wichtig es mir sei, dass ihr Baby die Milch bekäme.
Stattdessen starte sie einen Anlauf, sich zu entschuldigen, dass sie mir nun den Appetit verdorben habe. Innerlich rollte ich mit den Augen und versprach ihr, dass ich mir von Herzen wünsche, mein Frühstück mit der Kleinen zu teilen. Dann erst nahm die Mutter es als wunderbares Geschenk für ihre kleine Tochter an. Sie war unendlich dankbar. Und unendlich glücklich. Ich hingegen blieb erstarrt sitzen. So etwas hatte ich noch nie erlebt.

Diese kurze Situation hat mich sehr tief berührt. Sie hat sich tief in mein Gehirn und mein Herz eingebrannt. Leider vergesse ich manchmal im Alltag, dankbar zu sein für das, was ich habe und was ich mir leisten kann. Gelegentlich erwische ich mich dabei, wie ich mich darauf fokussiere, was ich nicht habe. Es wundert mich nicht, dass ich mich dann unwohl fühle.

Sobald ich den Blickwinkel wechsele und mich wieder auf die Fülle anstatt den Mangel konzentriere, geht es mir besser.

Manchmal klappt das gut, manchmal nicht so. Ich weiß aber mittlerweile, dass es funktioniert!
Auf jeden Fall übe ich es immer wieder, wenn ich mich bei weniger förderlichem Verhalten selbst erwische…

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