Kitesurfen in Ägypten

Urlaub Strand Ägypten, Auszeit nehmen

Kitesurfen in Ägypten : Ich würde wirklich nicht behaupten, dass ich ein Angsthase bin. Allerdings weiß ich, was man unbedingt machen sollte, wenn man Angst hat und sie loswerden will: Kiten gehen!

Im August 2015 wollte ich in Urlaub fahren und habe mir überlegt: „Ich gehe kitesurfen! Das wollte ich immer schon mal ausprobieren! Das wird toll!!!“
Kurz die Last-Minute Angebote und Special Deals prüfen… Brasilien. Super! Ist aber viel zu weit weg für eine Woche Urlaub. Die Philippinen – oh ja!!! Träum… aber… hmm… Das ist auch zu weit weg und außerdem mag ich da lieber tauchen! Gardasee – bestimmt  traumhaft schön, aber nee, wer weiß, wie das Wetter in diesem verregneten Sommer wird… Am Ende blieb Ägypten übrig. Prima. Ich habe direkt gebucht. Eine Woche später ging’s los.

Dass im Januar 2015 Anschläge in Kairo und Alexandria verübt worden waren, interessierte mich wenig. Das erste Mal überhaupt in meinem Leben checkte ich aber die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts, die mich jedoch nicht von der Reise abhielten. In Ägypten gibt es es seit 2011 immer wieder Unruhen – daher war es also gar keine besondere Gefahrensituation. Ich überlegte kurz und entschied mich, wie geplant in die Sonne zu fliegen.

Als ich in der Seahorse Bay ankam, freute ich mich. Die private Unterkunft war super schön, klein, familiär, einladend und sauber. Es waren nur wenige Gäste da – für meinen Geschmack hätten es durchaus 20-30 mehr sein dürfen. So waren wir gerade mal zu dritt am ersten Abend, zu fünft am zweiten Abend und später maximal zu neunt in der kleinen Anlage. Egal. Ich wollte mich erholen und Kiten lernen.

Das mit dem Kiten lernen hat nicht wirklich gut geklappt, das mit dem Erholen auch nicht.

Ich hätte nie gedacht, dass Kitesurfen so anspruchsvoll sein könnte! Mich hat das total gestresst.
Das sieht SOOOOO einfach aus!
Ich weiß, dass ich mit einer Menge Stress im Blut nach Ägypten abgereist bin, aber dieser Sport man mich total überfordert und zusätzlich total an den Rand meiner Möglichkeiten gebracht. Das war schrecklich.

Es ist bestimmt sensationell aufregend, wirklich Kiten zu können. Es zu lernen, ist aber nicht so lustig – außer man ist ein Naturtalent oder hat einen guten Lehrer. Leider traf das nicht auf mich zu.
Die größte Hürde ist aus meiner Sicht, dass man Reflexe überwinden bzw. ausschalten muss. Reflexe, die sich tief in der Evolution in unser Stammhirn gefressen haben und fest darin verankert sind. Man muss die blöde Bar (also das Ding, mit dem Du das Kite steuerst) loslassen, wenn man eigentlich das Gefühl hat, sich daran festhalten zu wollen. Das funktioniert überhaupt nicht gut. Also nicht bei mir.

Instinkt und eine wichtige Regel

Es gibt auf dem Wasser einige Regeln, die man beachten sollte.
Eine ganz wichtige davon lautet: Wenn Du das Gefühl hast, dass Du eine Situation brenzlig wird, der Wind in Deinem Schirm zu viel Druck aufbaut oder Du aus irgendeinem denkst, die Kontrolle über Deinen Schirm zu verlieren, dann muss Du die Bar ein bisschen von Dir wegschieben (nicht zu Dir hinziehen). Damit lässt der Winddruck im Schirm nach und Du gewinnst die Kontrolle zurück und die Situation entspannt sich. Das klingt logisch. Und einfach.
Wenn es schlagartig gefährlich wird – z.B. durch eine heftige Windböe – dann kannst Du Dir Abhilfe schaffen, indem Du die Bar einfach komplett loslässt. Gleiches Sicherheitsprinzip. Loslassen. Nicht festhalten. Klingt einfach, oder?

Die Praxis

Du bist fix und fertig von dem Weg vom Strand ins Wasser, weil Du das Kite gegen die Wellen hinter Dir hergezogen hast. Die pralle Sonne im Gesicht macht es irgendwie auch nicht besser. Am Anfang hast Du kein Board, um das Du Dich auch noch kümmern musst. Das kommt erst später dazu, wenn Du die „Trockenübungen“ mit dem Kite beherrschst und das Kite einhändig unter Kontrolle hast.
Okay, Du bist also vorbereitet, stehst im Wasser, richtest Dich und den Schirm richtig aus, Du arbeitest vorsichtig mit der Bar, der Schirm hebt sich langsam und Du machst es genau so, wie Du es gelernt hast. Ganz langsam. Und immer dran denken: Wenn es gefährlich wird – die Bar ein bisschen lösen (nicht festhalten) und von Dir wegschieben. Ganz einfach.
Tja, Du denkst, dass Du alles richtig machst und dann haut‘s Dich völlig unerwartet aus den Socken und Du machst einen Riesenhüpfer übers Wasser. Du weißt gar nicht, wie Dir geschieht!

Entweder schleifst Du nur 1-2 Meter über die Wasseroberfläche – immerhin mit Helm! – oder Du machst einen Satz mit 10-15 Metern in gefühlten 2-3 Metern Höhe. Dir zittern die Knie, Du bist im Schock, der Puls rast und Du fragst Dich: Was ist passiert? Was habe ich gemacht? Was zur Hölle habe ich FALSCH gemacht?!
Es dauert, bis man sich wieder vom diesem Schreck erholt und der Puls wieder eine halbwegs normale Geschwindigkeit annimmt.
Wir alle lernen am eigenen Körper: Wer die Bar ruckartig zu sich hinzieht (anstatt sie zu lösen und von sich wegzuschieben), der macht einen Satz nach vorne oder fliegt im hohen Bogen aus dem Wasser. Das ist Gesetz. Ganz einfach. 🙂

Das Problem

Je größer die Angst ist, desto stärker halten wir uns an der Bar fest und ziehen sie unbewusst an uns ran. Je stärker wir sie aber zu uns ziehen, desto höher wird der Winddruck im Schirm und desto heftiger ist die Reaktion, die Dich aus dem Wasser zieht. Profis nutzen diese Kraft bewusst, um ihre Luftsprünge mit dem Kite zu vollziehen.
Am Anfang ist das also so beim Kiten: Wenn Du Angst bekommst, weil Du Dich mit Deinem Sportgerät in eine gefährliche Situation bringst, musst Du es loslassen. Ganz einfach. Das ist in etwa so, wie, wenn Du zu schnell Mountainbike fährst und merkst, dass Du die Kontrolle verlierst. Anstatt Dich an Deinem Sportgerät festzuhalten und zu bremsen, lässt Du die Bremse los und schubst Dein Bike einfach von Dir weg. Ganz einfach. So zumindest die Theorie. 😉
Die Praxis sieht leider ganz anders aus, weil wir den Instinkt, uns in einer brenzligen Situation festzuhalten, irgendwie nicht ganz so einfach auszuschalten ist…

Kitesurfen in Ägypten

Männer oder Frauen Hobby?

Interessant fand ich, dass sich die Männer irgendwie viel leichter taten als wir Frauen. Woran lag das? Nach einigen Überlegungen und ein paar Bier sind wir Mädels zu dem Ergebnis gekommen: Männer haben früher in einer Gefahrensituation den Speer nach dem Mammut geworfen (haben also das Werkzeug losgelassen), während wir Frauen hastig nach den Kindern gegriffen haben, sie fest an die Hand genommen haben (also festhalten!) und weggelaufen sind. Deswegen fällt es also vermutlich Männer leichter, kiten zu lernen. 😉
Wenn Du also mal so richtig mutig sein magst und über Dich selbst hinaus wachsen magst: Geh kiten! Ich gehe das nächste Mal wieder tauchen. 🙂 Damit kenne ich mich aus. Oder ich fliege irgendwo hin, wo ich Windsurfen lernen kann. Das möchte ich auch noch mal in meinem Leben ausprobieren!

Persönliches Fazit

Heute kann ich herzlich über dieses Kite-Erlebnis lachen. Ich würde es wieder probieren. Vermutlich würde ich aber darauf achten, dass ich eine kompetente Lehrerin habe. Jemand, der selber gut kiten kann, ist nicht zwangsläufig ein guter Lehrer oder pädagogisch wertvoll. Um ehrlich zu sein, war unser „Lehrer“ extrem ungeeignet, uns Schülerinnen etwas beizubringen. Zum Glück war ich ja nicht die einzige Frau. Sonst hätte ich es vermutlich persönlich genommen.

Dieser Typ konnte wirklich richtig gut kiten, mehr aber leider auch nicht. Er hatte keinerlei Gespür dafür, was ein Anfänger nicht weiß oder nicht versteht bzw. worauf man besonders als Anfänger achten sollte, wo man Zuversicht hören möchte und Unterstützung braucht, um erste Erfolge zu erzielen und Vertrauen in die Sache zu gewinnen.

Unser „Lehrer“ war total genervt, wenn wir etwas beim ersten Mal nicht richtig gemacht haben. Er brüllte uns teilweise an, dass das ja wohl nicht so schwer sein könne, immerhin habe er es uns schon 1-2 (!) Mal gesagt. Na dann… Nur weil er sich bequemt hat, es uns 1-2 mal zu sagen, muss man es können… Schon klar. Es gibt echt Idioten da draußen.

Mein Tipp

Wenn Du kiten gehen magst, frag nach dem Hintergrund des Lehrers bzw. gehe zu einer Lehrerin. Versuche herauszufinden

  • wie lange er/sie schon Kite-Unterricht gibt
  • was er/sie vielleicht vorher gemacht hat (um anzuleiten, wieviel Erfahrung er/sie im Umgang mit Menschen hat)
  • wie lange er/Sie selbst schon kitet (könnte ein Indiz sein, dass er/sie nur aus der Leidenschaft zum kiten Geld damit verdienen mag, aber nicht unbedingt gute Lehrer-Qualitäten mitbringt).
  • Achte darauf, ob Du als vornehmlich zahlender Kunde gut behandelt wirst oder ob sich die Person empathisch auf Dich einlässt und versucht, eine emotionale Bindung zu Dir aufzubauen, um Die Vertrauen und Verständnis zu transportieren.

Wichtig ist auch zu wissen, ob an einem Kite Gebiet vornehmlich auflandiger oder ablandiger Wind herrscht. Beim auflandigen Wind wirst Du mit Deinem Kite zum Strand hingezogen. Beim ablandigen Wind ins offene Meer. Als Anfänger brauchst Du unbedingt Ersteres! Es kann richtig gefährlich werden, wenn Dich der Wind aufs offene Meer hinausträgt und Du nicht mehr weißt, wie Du aus eigener Kraft zurückkommst. Den Stress kannst Du Dir wirklich ersparen!

Weitere Tipps

  • Wenn Du Dir Sorgen machst oder Angst hat, äußere das.
  • Sage, wenn Du etwas nicht verstanden hast.
  • Bitte darum, es Dir noch mal zu zeigen, wenn Du es nicht verstanden hast.
  • Sei so mutig, dem Lehrer notfalls zu sagen, dass Dich seine Lehrmethode unter Druck setzen und nicht zielführend sind. Erinnere ihn freundlich daran, dass Du als Kunde sein Gehalt bezahlst und um etwas mehr Geduld bittest. Schließlich bist Du ein Anfänger und hast Dir einen Lehrer genommen, um es zu lernen.

Die Erfahrung, die ich gemacht habe, braucht kein Mensch. Ich wünsche Dir ein tolles Kite-Erlebnis und lass mich wissen, wie es für Dich war!

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