Sardinien: ein Geschenk

Bootsausflug an Ostküste Sardinien, ab Arbatax

Sardinien : Was für ein Urlaub! Es war eine spontane Entscheidung, nach Cagliari zu fliegen. 12 Stunden vor Abflug buchte ich das Ticket, weil der Flug günstig war und dort die Sonne schien, im Gegensatz zu Wiesbaden, wo es in diesem Sommer Tag für Tag regnete.
Als ich landete, war schnell klar – mit Englisch komme ich hier überhaupt nicht weiter. Mist. Italienisch spreche ich nicht und mein Spanisch ist total eingerostet. Na prima. Keine Touristen-Info weit und breit, kein Reiseführer mit im Gepäck und auf mega-teure Roaming Gebühren hatte ich auch keine Lust.
Also, back to the roots, wie früher. Immerhin bin ich ja mit einem Rucksack statt eines Koffers losgezogen. Ich wollte ja, dass es anders wird als die letzten Cluburlaube.
Tja… ich hatte nur leider komplett übersehen, dass ich über die Jahre tatsächlich auch richtig bequem geworden bin und gar nicht mehr wusste, wie man so als Backpacker reist. Ich! Oh Mann… Was für eine unerwartete Herausforderung!

Sardinien : Stress im Urlaub

Ich hatte die erste Übernachtung in Sardinien über airbnb gebucht. Nicht, dass ich geübt darin gewesen wäre. Es war erst meine 2. oder 3. Buchung.
Wie sich herausstellte, war die Vermieterin selbst zu dem Zeitpunkt gar nicht in der Nähe, sondern auf einem Festival auf dem Festland von Italien. Englisch sprach sie auch nicht. Die Beschreibung des Zimmers hatte sie sich vermutlich übersetzen lassen, um solche Touris wie mich anzulocken. Toll, dachte ich mir – das kann ja was werden…

Den Schlüssel zur Wohnung sollte mir ein Freund von ihr bringen, der auch nur sehr wenig Englisch sprach – aber immerhin! Die Kommunikation war mühsam und zäh. Das größere Problem war aber, dass mein Handy die App nicht lud und ich nur über die Desktop-Variante schreiben konnte. Das war sehr mühsam. Innerlich dachte ich nur: Schön, dass es eine App gibt, die aber bei mir nicht funktioniert. Scheiße, ehrlich. Das hätte ich ja auch mal zu Hause ausprobieren können!
Der Weg zu der Wohnung war ebenfalls nicht so einfach. Ich hatte immerhin (!) eine Wegbeschreibung. In grotten-schlechtem Englisch. Ich versuchte, dem Busfahrer mit Händen und Füßen zu erklären, wo ich denn aussteigen wollte. Leider war die Ansage im Bus nämlich auch Italienisch und das TV-Display mit visueller Ankündigung der Stationen leider defekt. Passiert. Ich bin ja nicht in Deutschland. Nicht alle Bushaltestellen waren vom Bus aus gut zu erkennen –mal ja, mal nein. Also auch kein guter Indikator zum Aussteigen…
Eine ältere Dame im Bus war aber etwas pfiffiger drauf als der Busfahrer. Sie verstand irgendwie, wohin ich wollte. Sie nahm mich einfach an die Hand, gestikulierte und stieg mit mir aus. Wie sich in Zeichensprache dann rausstellte, wohnte sie in der Parallelstraße. Super!!! Da hatte ich ja mal Glück! Auf dem Weg unterhielten wir uns – irgendwie… mehr schlecht als recht, auch wenn wir uns vermutlich beide nicht verstanden. Trotzdem war es lustig. Und irgendwie sympathisch.

Als ich dann in der richtigen Straße vor dem Wohnhaus angekommen war, musste ich rund 40 Minuten auf diesen besagten Freund warten. Die Vorstellung, dass ich es im Hotel deutlich entspannter gehabt hätte, streifte meine Gedanken… Als ich dann also so da wartete, fiel mir mein Handy auf das harte Kopfsteinpflaster und zerschellte laut. Ich dachte: Shit – jetzt habe ich nicht mal Internet!!! Oh nein!!! Wie soll ich mich jetzt noch mit der Vermieterin oder dem Freund verständigen?!??! Ah!!! Hilfe!!!
Ich hob das Handy auf und war erleichtert. Alles gut, ich hatte mir nur eine fiese Spinnen-App eingefangen.
Das Display funktionierte noch.
GERADE so.
Große Erleichterung machte sich breit. Als Vicente (der Freund) kam, mussten wir 150 Stufen bei 45 Grad Hitze bewältigen – und das mit ca. 18 kg Zusatzgewicht im Rucksack. In dem Moment war mir klar, ich bin total bescheuert gewesen, gefühlte 10 kg Laptop, Bucher, Papier etc. zum Arbeiten mitzubringen. Die 8 kg Klamotten, Schuhe und Handtücher waren auch überdimensioniert geplant. Im Verlauf des Urlaubs habe ich ein paar Flip Flops, drei Kleidchen, einen Sonnenhut und einen Bikini getragen. Mehr braucht man nicht im Sommer auf Sardinien. Oh, doch: eine lange Hose und einen Pulli für abends. Da war es schon recht frisch.

Als ich bei der Sommerhitze in der Wohnung ankam, fiel ich fast um. Erschöpft, gestresst und emotional völlig überfordert. Keiner da. Ich ganz alleine. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Die Wohnung war so klein und so einfach, dass ich spontan dachte: der Inhalt meines Rucksacks ist mehr wert als alles, was hier steht. Wow. Das erschreckte mich.
Auf der anderen Seite habe ich mal eine echte Studenten-WG von innen gesehen, was ich so noch nicht erlebt hatte. Ich ekelte mich ein bisschen, weil mein Verständnis für Hygiene deutlich anders aussieht als das dieser WG-Bewohnerinnen – aber okay, ich wollte ja nur eine Nacht bleiben.
Warmes Wasser zum Duschen hatte ich auch dann nicht – ganz prima, ehrlich. Das wurde ja immer besser. Meine Laune verbesserte sich nicht gerade. Schlafen könnte ich bei der Hitze ebenso wenig und es war so windig, dass der Wind so laut pfiff, dass ich allein deswegen schon nicht zur Ruhe kam. Fenster zu und Klimaanlage oder Ventilator? Pustekuchen, gab es beides nicht.

Plötzlich sehnte ich mich nach einem Cluburlaub mit solchen offenbar banalen Dingen und ein bisschen mehr Komfort als das hier… Seufz.

Am nächsten Morgen wusste ich nicht recht, was ich machen sollte – ich hatte ja gar keine Ahnung, wo ich war oder wo ich hin wollte. Okay, ein bisschen Vorbereitung hätte nicht geschadet – ich geb’s zu. In einem der drei WG-Zimmer sah ich von der Tür aus einen Lonely Planet von Sardinien. Meine Augen glänzten. Nach kurzer Rücksprache mit der Vermieterin durfte ich mir den Lonely Planet leihen.
Lustigerweise gehörte er einer deutschen Studentin, die ein Auslandssemester in Cagliari machte. Zum Glück kam sie an diesem Tag. Wir verstanden uns auf Anhieb. Sie war mir eine riesengroße Hilfe. Ich verlängerte meinen Aufenthalt um zwei Nächste, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen, ohne mich gleich neuem Stress beim Weiterreisen ins Ungewisse auszusetzen. Ich war von den anfänglichen Strapazen total durch den Wind. So etwas hatte ich noch nie erlebt.
Sie versorgte mich mit ein paar Ausflugstipps zum Strand, die aber wenig mit Erholung zu tun hatten, da der ewig lange Weg mühsam war und die sengende Hitze über mir hing. Zum Glück hatte sie mir einen Sonnenschirm als Schutz gegen die pralle Sonne am Strand geliehen.

Wieder dachte ich mir: Was mache ich hier eigentlich?!
Es war alles so schrecklich anstrengend. Ich war totunglücklich und total entkräftet. Ich war kurz davor abzureisen und den Urlaub in Sardinien abzubrechen. Ich war total fertig. An einem Abend gingen wir mit einem Freund von ihr aus. Es war das legendäre Jazz-Festival mitten in der Stadt. Das war toll. Wirklich schön.  Innerlich war ich aber nach wie vor derartig gestresst, dass es mich fast zum Bersten brachte. Irgendwas kochte in mir. Ich war ausgesprochen unruhig und aufgewühlt. Ich war derartig unzufrieden mit der Situation, dass ich es kaum aushalten konnte. Ich weiß nicht, was schlimmer war, die Situation an sich oder das Gefühl in mir.

Entschluss zur Veränderung

Am dritten Morgen traf ich dann einen Entschluss, der alles schlagartig veränderte.
Ich machte mir klar, wie typisch deutsch ich doch war!
Das hatte ich noch nicht einmal geahnt: Übersteigerter Leistungsdruck, ich müsse etwas Tolles im Urlaub machen, müsse etwas Aufregendes erleben… Die innere Erwartung, der Urlaub müsse reibungsfrei laufen, alles müsse perfekt sein, alles müsse passen, das Essen müsse grandios sein… Ich müsse früh aufstehen, um den Tag maximal auszunutzen… Leistung, Leistung, Leistung.

Ich erkannte, dass mich Gefühle quälten, die mich klein und hässlich machten: ich bin nicht gut genug, weil ich das hier in Sardinien nicht besser hinbekomme und im Leben ja auch nicht… weil ich keinen richtigen Job habe und nicht mehr Geld verdiene, um mir einen richtigen, coolen Urlaub zu leisten wie andere, sondern nur sowas wie hier… weil ich alleine unterwegs bin und keinen Partner habe und überhaupt… weil ich nichts hinbekomme im Leben, was ich will…

Meine Gedanken und Gefühle überschlugen sich und ich löste mich in Tränen auf. Ich war erfüllt von Stress, Druck und eine schier nicht zu ertragenden Unruhe breitete sich in mir aus. Ich war totunglücklich und aufgewühlt, fühlte mich scheiße und wollte nach Hause, mich einfach verkriechen.

Der Ruck zum besseren Ich

Dann sagte ich ganz entschlossen zu mir selbst: Schluss jetzt. Habe ich sie noch alle? Wer bin ich denn? Hallo? Geht’s noch?! Himmel… Komm runter von diesem Trip!

Mit einem Ruck entscheid ich mich, diese meckernde, nervöse, ungeduldige, unglückliche, zappelige und unausgeglichene und völlig gestresste Type abzulegen. Ich schüttelte diese Haut, die sich furchtbar anfühlte, einfach ab, hing diese typisch deutschen Eigenschaften sinnbildlich an den Nagel an die Wand und reiste ohne sie weiter. Ich war wie ausgewechselt. Ganz entspannt.

Ich fuhr mit dem öffentlichen Bus an die Ostküste, wo ich dann bei einem Pärchen in einem kleinen Ort namens Tortolì wohnte und das war ganz wunderbar. Clemente und Suzy haben ein schönes großes Haus, sauber, ordentlich, modern, eine tolle Küche zum Mitbenutzen, einen großen Balkon mit einer schönen Aussicht. Perfekt zum Wohlfühlen. Ich hatte ein großes, sehr schönes Zimmer – mit Ventilator. Klasse! Was für ein Luxus.
Ich schmunzelte. Es ist schon interessant, wie sehr man sich manchmal über Kleinigkeiten freuen kann.
Die zwei waren wirklich bezaubernd. Offenherzig, herzlich und ausgesprochen sympathisch. Wir saßen zusammen auf dem Balkon und schlürften ein Glas Wein und naschten Oliven bzw. leckere Erdnüsse. An einem Tag fuhren die zwei mich zum Hafen, wo ich eine Schiffsrundfahrt buchte, um die wunderbaren Buchten von Sardiniens Ostküste zu erleben. Kristallklares Wasser, Steinformationen wie sie schöner nicht sein könnten – es erinnerte mich an die Dolomiten direkt an der glitzernden Küste im Mittelmeer. Faszinierend schön.

Dann verbrachte ich noch einen Tag mit Suzy am Strand und abends luden sie mich zum Essen ein. Mit ihren Eltern und anderen Familienangehörigen saßen wir alle im Garten zusammen – mit selbstgemachter Pizza, Wein und Bier, unter einem Dach aus Weinstöcken. Viele herrlich duftende Kräuter und unzähliges, frisches Gemüse wuchsen um uns herum. Traumhaft schön. Friedlich. Liebevoll. Herzlich. Ich war in einer ganz anderen Welt.

Und das, obwohl wir nicht dieselbe Sprache sprachen. Suzy frischte ihre Englischkenntnisse in der kurzen, gemeinsamen Zeit auf, ebenso wie ich meine Kenntnisse in Spanisch und Italienisch. Ansonsten half uns Google Translate. Das war wunderbar – irgendwie haben wir uns trotz aller Sprachbarrieren super gut verstanden. Und viel gelacht. Das war lustig. Und einmalig. Es berührt mein Herz, wenn ich daran zurück denke. Es war wirklich wunderbar.

Als ich abreiste, spürte ich, dass ich mich heimisch fühlte. Clemente hatte mir später eine Bewertung bei airbnb geschrieben, die unter anderem sagt: „Obwohl sie nur ein paar Tage da war, ging sie als wäre sie ein Teil unserer Familie.“ Genauso hatte es sich angefühlt. Ich bin sehr dankbar für dieses kleine Glück, das ich auf Sardinien gefunden habe.

Das war ein wunderbares Geschenk, das ich für immer in meinem Herzen tragen werde. Es hat mir gezeigt, wie wunderschön das Leben sein kann, wenn man offen dafür ist. Die Entscheidung in Cagliari, meine harten, leistungs- und erfolgsorientierten Denkweisen abzulegen, hat mich verändert. Ich bin viel weicher und offener. Ich bin als ein anderer Mensch heimgekommen als der, der in Deutschland eine Woche zuvor abgereist war. Ein außergewöhnliches Geschenk.

Reisen verändert. Immer.

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